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Mittwoch
18.02.2026

TV / Radio

Auf dem «Tages-Anzeiger»-Podium: Martin Candinas, Amélie Galladé, Susanne Wille, Jonas Lüthy, Thomas Matter und Moderatorin Raphaela Birrer... (v.l. Bild: © Klein Report)

Auf dem «Tages-Anzeiger»-Podium: Martin Candinas, Amélie Galladé, Susanne Wille, Jonas Lüthy, Thomas Matter und Moderatorin Raphaela Birrer... (v.l. Bild: © Klein Report)

Das Zürcher Kaufleuten war am Dienstagabend kein neutrales Spielfeld an einem Podium des «Tages-Anzeigers». Das Publikum klar links der Mitte, die Rollen früh verteilt.

Im Publikum eine grosse Anzahl vom Leutschenbach-Fussvolk. Und mittendrin Susanne Wille, die Generaldirektorin der SRG, ruhig, kontrolliert, vom Gegenwind der vergangenen Wochen unbeeindruckt – und mit dem Heimvorteil einer Stadt, in der der Service public selten infrage gestellt wird.

Vorab hielt SVP-Medienminister Albert Rösti eine recht ausgewogene Einleitungsrede zur Abstimmung am 8. März 2026 über die SRG-Initiative. Rösti begründete die auf dem Verordnungsweg vom Bundesrat beschlossene moderate Senkung der SRG-Gebühren, die bei Ablehnung oder Annahme der Initiative, so oder so zum Zuge kommt.

Für die Initianten der SRG-Initiative «200 Franken sind genug!», Thomas Matter und Jonas Lüthy, wurde es in Teilen ein Abnützungskampf, in dem sie oft auf stumm geschaltet waren.

Kamen sie zum Reden, wiesen sie auf eine überdimensionierte SRG hin, auf eine Marktverzerrung, auf ein Medienhaus, das «Speck angesetzt» habe. SVP-Nationalrat Matter formulierte es so: «Service public ist nicht alles für alle – sondern das, was die Privaten nicht leisten können.» Unterhaltung, Sport, Online-Text? Für ihn in Teilen verzichtbar.

Und dann sagte der Unternehmer etwas, dass selbst Willes Dauerlächeln verschwinden liess: «Ab dem 50. Geburtstag gibt es bei der SRG sechs Wochen Ferien, ab 55 sogar sieben Wochen». Und anstatt 42,5 Stunden müssten SRG-Angestellte bloss 40 Stunden arbeiten, so Matter weiter.

Im Saal das erste Mal Gejohle und Buhrufe von vielen Männern, die sich gegen den Zürcher SVP-Politiker richteten.

Jonas Lüthy, Präsident der Jungfreisinnigen, versuchte mehrfach im von Raphaela Birrer, Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» (Tamedia), geleiteten Podium, den Generationenbruch ins Zentrum zu rücken.

Medien würden heute fragmentiert konsumiert, gezielt, individuell. Die Idee eines Vollprogramms sei ein Relikt aus der medialen Steinzeit. «Wenn sich der Medienkonsum verändert, muss sich auch der Service public fokussieren.» 200 Franken reichten – alles andere sei Ausdehnung ohne demokratische Legitimation, so der junge Politiker aus Basel.

Doch je länger der Abend dauerte, desto klarer wurde: Die Initiative hat nur eine Chance, wenn sie Emotionen schüren kann – und mit (roten) Zahlen und verschwendeten Steuergeldern punktet. Dementsprechend war auch das sehr hohe Jahresgehalt von 518'000 Franken im Jahr für die SRG-Generaldirektorin eine streitbare Zuschauerfrage, die offenbar auch das linke Publikum beschäftigt.

Susanne Wille sprach davor nicht von Pathos, sondern von vermeintlicher Logik. «Eine Halbierung der Mittel halbiert nicht das Programm – sie halbiert den Journalismus», behauptete Wille. Wer glaube, man könne mit 700 oder 800 Millionen ein viersprachiges Vollangebot aufrechterhalten, ignoriere Realität, Personalstruktur und regionale Kosten.

Dem widersprachen Matter und Lüthy vehement, dass mit 800 Millionen Franken pro Jahr, plus Werbeeinnahmen, nicht ein gutes Programm in Viersprachen zu machen sei.

Im Zürcher Kaufleutensaal wurde es zunehmend aufgeheizter, hämisches Gelächter von Seiten der Gegner nahm überhand.

Am schärfsten konterte der Bündner Mitte-Nationalrat Martin Candinas den Befürwortern der SRG-Initiative – im sprachlich beliebten Tonfall des ewigen Skilehrers, in Zürich, der grössten Bündner Stadt der Welt.

Was für ein Argument er habe, wenn sich Leute über die enorm hohe Wahlkampfsumme von 820’000 Franken der SP für den Abstimmungskampf wundern, meinte der Mitte-Politiker clownesk, er habe kein Geld, nur Argumente. Lacher im Publikum.

Der Politiker, ein gern gesehener Gast in den SRF-Studios, machte aus der Medienfrage einmal mehr eine Staatsfrage – und eine Existenzfrage.

«Ohne SRG gäbe es für die rätoromanische Minderheit praktisch keine mediale Stimme mehr.» Ausser noch der Somedia im Bündnerland, fügte er etwas lakonisch an.

Die Initiative, so Martin Candinas, treffe nicht alle gleich. Minderheiten zahlten den höchsten Preis. Im Publikum applaudierte (unter anderem) SRF-Arena-Moderator Sandro Brotz. Wer vom Markt spreche, so Candinas, solle sagen, wo dieser Markt in Graubünden oder für Romanisch existiere.

Amélie Galladé, Vorstandsmitglied der GLP Kanton Zürich, stellte sich vehement gegen die Initiative – mit liberaler Begründung und dem Bonus der Jugend. Gerade im digitalen Raum brauche es verlässliche Akteure. «Dort, wo sich Desinformation am schnellsten verbreitet, braucht es präsente öffentliche Medien.»

Social Media sei kein Luxus, so die Jungpolitikerin aus Winterthur, die im Nein-Komitee der Halbierungsinitiative sitzt, sondern Teil des heutigen Service public. Gleichzeitig räumte die Tochter von Chantal Galladé ein, dass die Doppelbelastung der Unternehmen ein reales Problem sei – aber kein Grund, das System zu zerlegen. Mutter Galladé, die bis 2018 SP-Nationalrätin war und heute für die GLP als Zürcher Kantonsrätin politisiert, sass im Saal und coachte den Politnachwuchs vorab aktiv.

Gastgeberin Raphaela Birrer, die Susanne Wille in der Einleitung als «neutrale Instanz» vorgestellt hatte, verdichtete den Abend mit einer Kernfrage: Will die Schweiz ein öffentliches Medienhaus, das überall präsent ist – oder eines, das sich auf ein Minimum zurückzieht und Lücken dem Markt überlässt?

Am Ende wirkte die Initiative wie ein grobes Werkzeug für ein feines System in der rotgrünen Wohlfühloase der grössten Schweizer Stadt.

Die Befürworter blieben bei Zahlen. Die Gegner sprachen über Folgen. Und Susanne Wille war wohl froh, dass dieses Podium ein Heimspiel war.