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Dienstag
28.04.2026

Medien / Publizistik

Das Amtsblatt hat eine Auflage von 100'000 Exemplaren pro Woche. Wie lange solche Printzeitungen noch überleben, ist jedoch unklar… (Bild: zVg)

Das Amtsblatt hat eine Auflage von 100'000 Exemplaren pro Woche. Wie lange solche Printzeitungen noch überleben, ist jedoch unklar… (Bild: zVg)

Gegenüber dem Politportal rathuus.ch äusserte sich Yves Kilchenmann erstmals dazu, wie er die Zukunft seines Flaggschiffs der Neuerwerbungen – das «Tagblatt der Stadt Zürich» – einschätzt. Kilchenmann ist CEO der neuen Besitzerin Interact Media Group (IMG), welche letzte Woche die Zeitungshaus AG von Christoph Blocher mit eben diesem «Tagblatt» gekauft hat. Zur IMG gehört auch das Gratisportal Nau.ch.

Obwohl das «Tagblatt» erstmals in seiner fast 300-jährigen Geschichte künftig von Bern aus geleitet wird, betont Kilchenmann, dass man weiterhin Amtsblatt der Stadt Zürich bleiben wolle – und 2027 wieder eine Offerte einzureichen gedenke.

Im Lokalteil des «Tages-Anzeigers» und der «Neuen Zürcher Zeitung» war der Verkauf des «Tagblatts der Stadt Zürich» kein Thema. Das zeigt, wie marginal der politische Einfluss des städtischen Amtsblatts geworden ist. Kritischen lokalen Journalismus sucht man laut der Einschätzung von Rathuus meist vergebens oder die Texte gehen wegen der vielen Reiseberichte und Publireportagen einfach unter.

Dazu stehen die Zeichen aus der Politik auf Sturm. Der in der Mehrheit links-grüne Gemeinderat ist eher unzufrieden mit den Inhalten und setzt lieber auf neue Infokanäle im Print und vor allem digital. So sollen künftig die amtlichen Publikationen zusätzlich ganz oder teilweise durch Dritte in digitaler oder gedruckter Form erscheinen. «Dabei sollen mindestens zwei verschiedene Medien mit lokaler Berichterstattung berücksichtigt werden», heisst es im Vorstoss.

AL-Gemeinderat Michael Schmid sagte gegenüber Rathuus zum Verkauf des «Tagblatt der Stadt Zürich»: «Ich vermute, Blocher hatte die Lokalmedien mit einer politischen Absicht zusammengekauft. Und ich nehme nicht an, er hätte sie jemandem verkauft, der anderer politischer Meinung wäre.»

Für Michael Schmid ist «nicht nur die politische Ausrichtung, sondern auch das Niveau der Berichterstattung bei ‚Nau‘ etwa auf demselben Niveau wie beim ‚Tagblatt’». Weitere Qualitätseinbussen seien für ihn nicht denkbar. Und weiter: «Der Gemeinderat hat diese Motion initiiert, um unabhängiger vom Tagblatt zu werden», so Schmid.

Ein positives Bekenntnis seitens der Politik zum «Tagblatt» tönt anders. Rathuus fragte bei Yves Kilchenmann, nach. Der Vertrag mit der Stadt Zürich läuft am 31. Dezember 2027 aus. Und es gibt politische Bemühungen, dass seitens der Stadt kein neuer Vertrag mehr unterschrieben werden soll. Was unternimmt «Nau», um diesem Trend entgegenzuwirken?

«Wir nehmen diese Diskussion ernst und suchen die Gespräche mit der Stadt Zürich aktiv. Das ‚Tagblatt der Stadt Zürich‘ ist ein wichtiges Informationsmedium für die Bevölkerung – und wir sind überzeugt, dass es das auch in Zukunft sein soll. Wir werden alles daransetzen, eine Fortsetzung dieser Partnerschaft zu ermöglichen», so Kilchenmann. Und ja, man beabsichtige, sich zu bewerben.

Punkto politischer Ausrichtung stehe die IMG für eine klar neutrale, überparteiliche Haltung. «Wir sind davon überzeugt, dass ein Stadtmedium wie das Tagblatt der Stadt Zürich genau das sein muss: ein Ort, an dem alle politischen Meinungen und gesellschaftlichen Perspektiven Platz haben». Das sei «unsere Grundüberzeugung als Medienunternehmen. Wir hoffen, dass sich dieser Ansatz auch in der Wahrnehmung der Politik und des Stadtrats widerspiegeln wird».

Nicht bestätigen will Kilchenmann gegenüber Rathuus das Gerücht, dass die gut 20 Standortleiterinnen und Standortleiter der übernommenen Gratiszeitungen durch eine zentrale Geschäftsführung ersetzt werden sollen.

«Uns ist kein solcher Plan bekannt und es gibt seitens der Interact Media Group keinerlei Bestrebungen in diese Richtung». Die bestehenden Strukturen vor Ort seien ein zentraler Teil dessen, was diese Titel ausmache – nämlich echte Nähe zu den Regionen und Gemeinden. «Daran halten wir fest.» Ebenso soll keine übergeordnete Zentralredaktion eingeführt und keine Stellen abgebaut werden.

«Die redaktionelle Eigenständigkeit der Titel ist für uns kein Verhandlungsthema – sie ist Voraussetzung für ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz vor Ort», so Kilchenmann.

Fragt sich nur, wie denn gespart werden soll. Denn laut Christoph Blocher war bisher vor allem der Vertrieb seiner Gratiszeitungen ein grosser Kostenfaktor. Und dieser Vertrieb wird künftig nicht günstiger. Dass doch etwas im Tun ist, zeigt sich an der Personalia der Geschäftsführung beim «Tagblatt der Stadt Zürich». Die Stelle der langjährigen Chefredaktorin und Geschäftsführerin Lucia Eppmann wurde ersatzlos gestrichen, indem einfach einer der bisherigen Redaktoren, Christian Saggese, die Stelle der Geschäftsführung zusätzlich übernahm. Das passierte schon vor dem Verkauf.

Die These von Rathuus. Die neue Besitzerin ist vor allem an den lokalen politischen und wirtschaftlichen Kontakten interessiert. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis «Nau» den Wechsel auf lokale Digitalausgaben bekannt geben wird.