Das Luzerner Institut für Journalismus und Kommunikation (MAZ) schrumpft, die Verlage sparen, die künstliche Intelligenz verändert den Beruf radikal.
In Kastanienbaum am Vierwaldstättersee wurde einst die Zukunft des Schweizer Journalismus geprägt. Das MAZ war Talentschmiede, Kaderschule, Begegnungsort.
Heute kämpft die Institution mit sinkenden Teilnehmerzahlen, schwindenden Einnahmen – und einer Technologie, die den Beruf von Grund auf verändert.
Im Gespräch mit Thomas Renggli vom Klein Report erklärt MAZ-Stiftungsratspräsident Felix E. Müller, weshalb KI zugleich Bedrohung und Chance ist, warum das MAZ staatliche Anerkennung sucht und weshalb lokale Medien überleben werden.
Steckt der Journalismus in einer Existenzkrise?
Felix E. Müller: «Die Krise zeigt sich bei uns ganz konkret. Im Herzstück des MAZ, der zweijährigen Diplomausbildung, sinken die Teilnehmerzahlen seit Jahren. Früher waren die Kurse deutlich grösser, heute haben wir noch etwas über 20 Personen pro Lehrgang.»
Hat der Beruf an Attraktivität verloren?
Müller: «Ja, sicher auch. Viele Junge fragen sich: Gibt es diesen Beruf in zehn Jahren überhaupt noch? Dazu kommt: Früher haben die Verlage die Ausbildung bezahlt. Ein Verleger sagte: ‚Du hast Talent, wir investieren in dich.‘ Heute sagen viele Häuser: ‚Wenn du ans MAZ willst, zahl selber.‘ Das verändert alles.»
Zusätzlich ist auch die Kommunikationsausbildung eingebrochen. Weshalb?
Müller: «Das beschäftigt uns stark – und wir fragen uns auch, weshalb? Ich glaube, KI ist ein zentraler Grund. Viele Unternehmen sagen heute: Wir brauchen keine klassischen Kommunikationskurse mehr, sondern KI-Kompetenz. Das ist ein echter Game Changer.»
Tut Ihnen das als Journalist alter Schule weh?
Müller: «Natürlich. Aber die Welt entwickelt sich weiter. Man kann nicht nostalgisch stehen bleiben. Man muss lernen, mit diesen Instrumenten umzugehen.»
Braucht es Journalistinnen und Journalisten überhaupt noch?
Felix E. Müller: «Ja. KI ersetzt Routinearbeit. Eine Jungredaktorin kann heute einen langen NZZ-Artikel in Sekunden für ein Online-Portal zusammenfassen lassen. Früher dauerte das Stunden. Aber KI kann keine echte Recherche ersetzen. Sie verarbeitet immer Vergangenheit. Journalismus bedeutet, Neues herauszufinden. Und Meinung, Haltung, Einordnung bleiben menschlich.»
Sind Lokalmedien weniger bedroht?
Müller: «Davon bin ich überzeugt. Wenn in einer Gemeinde drei Parkplätze aufgehoben werden, findet die KI dazu nichts. Lokaler Journalismus bleibt enorm wichtig.»
Das MAZ will jetzt als höhere Fachschule anerkannt werden. Weshalb erst jetzt?
Müller: «Früher glaubte man, das MAZ-Diplom genüge als Marke. Heute reicht das nicht mehr. Viele Journalistinnen und Journalisten wechseln später in Unternehmen, Verwaltungen oder NGOs. Dort prüfen oft automatisierte Systeme die Bewerbungen. Wenn der Abschluss nicht offiziell anerkannt ist, wird man unter Umständen aussortiert.»
Der Wind hat gedreht?
Müller: «Total.»
Und der Staat zahlt künftig mit?
Müller: «Ja. Durch die Anerkennung übernimmt die öffentliche Hand einen Teil der Ausbildungskosten. Dadurch können wir die Kursgebühren senken.»
Gleichzeitig baut das MAZ Stellen ab und spart Kosten.
Müller: «Wir müssen uns der Realität anpassen. Weniger Fixkosten, weniger Büros, weniger Experimente. Früher hat man kreative Kurse entwickelt und erst danach geschaut, ob jemand kommt. Das können wir uns nicht mehr leisten. Heute müssen wir konsequent das anbieten, was gefragt ist – und das ist momentan KI.»
Wo steht das MAZ in zehn Jahren?
Müller: «Ich bin überzeugt, dass es das MAZ dann noch gibt. Dafür setzte ich mich mit all meiner Schaffenskraft ein. Aber es wird kleiner sein als heute. Der Markt braucht weniger klassische Journalistinnen und Journalisten, weil KI gewisse Basisarbeiten übernimmt. Entscheidend wird sein, dass wir weiterhin Menschen ausbilden, die recherchieren, einordnen und Verantwortung übernehmen können.»




