Beschädigte oder zerstörte Wahlplakate gehören im Lokalwahlkampf leider seit Jahren dazu. Wenn sie flächendeckend verunstaltet werden, schmälert das direkt die Wahlchancen der abgebildeten Politikerinnen und Politiker.
Neu ist jedoch, dass auch Missmanagement bei Wahlinseraten und Kandidaten-Publireportagen unmittelbare Folgen für den Wahlkampf haben können.
Genau das ist in Zürich passiert, wie der «Blick» am Mittwoch als erstes berichtete: Das Online-Lokalmagazin «Tsüri» liess angekündigte 204'000 Wahlzeitungen nicht wie versprochen in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post an alle Zürcher Haushalte – auch jene mit «Stopp Werbung»-Kleber – verteilen.
Stattdessen beauftragte «Tsüri» kurzfristig eine private, namentlich nicht bekannte Verteilfirma. Die Folge davon war ein völliges Zustellchaos, bei dem nur die wenigsten Haushalte eine Wahlzeitung erhalten haben.
«Die Frist für die Briefwahl ist am Dienstag abgelaufen und noch immer wurde die Wahlzeitung von 'Tsüri' in unserer Strasse in Albisrieden nicht verteilt», ärgert sich Matthias Engel, der für die FDP im Kreis 9 für den Gemeinderat kandidiert.
«Dabei wurde uns versprochen, dass die Wahlzeitung Anfang Februar in allen Haushalten ist. Zynisch wie die Macher von 'Tsüri' sind, haben sie uns am 9. Februar eine Rechnung über 540.50 Franken geschickt und dann nie mehr etwas von sich hören lassen», erklärt Matthias Engel gegenüber dem Klein Report.
Im «Blick» rechtfertigt sich «Tsüri» folgendermassen: «Im Januar wurde die Zustell-Zusage via Promopost von der Post unerwartet, mit der Begründung zurückgezogen, dass diese Dienstleistung ausschliesslich Komitees und Parteien gewährt werde. Aufgrund des dadurch entstandenen Zeitdrucks mussten wir kurzfristig auf ein anderes Verteilunternehmen ausweichen».
Wer das vom Online-Medium zu Protokoll gab, ob Simon Jacoby selber, Migründer und Chefredaktor des Mediums, das stark vom gesamten linken Parteienspektrum unterstützt wird, bleibt unklar.
Das in die Bresche gesprungene Verteil-Unternehmen habe eine flächendeckende Austeilung versprochen – inklusive GPS-Tracking.
Dass längst nicht alle 204'000 Exemplare verteilt worden sind, wird nun aber immer offensichtlicher. Deshalb erhielt die FDP gemäss «Blick» von «Tsüri» das Angebot, die Rechnung um 25 Prozent zu reduzieren.
FDP-Wahlkampfleiter Patrik R. Brunner lässt sich damit nicht zufrieden stellen: «Wir werden dies aber wahrscheinlich ablehnen. Es reicht nicht als Wiedergutmachung», erklärt er im Boulevardblatt. Schliesslich habe allein seine Partei über 22'000 Franken in die fragwürdige Wahlzeitung gesteckt.
Verärgert ist auch GLP-Gemeinderätin Christine Huber, die ebenfalls von «Tsüri» geschädigt worden ist: «Ich wollte lieber in den regionalen Medien inserieren, statt bei Google und Facebook. Nach dieser Enttäuschung werde ich bei den nächsten Wahlen vermutlich nur noch auf Onlinewerbung und Plakate setzen», erklärte Huber dem Klein Report. Und ergänzt: «Die Kündigung meiner Mitgliedschaft bei «Tsüri» ist bereits abgeschickt.»
Bezahlt hat sie gemäss Rechnung für ein «Kurzportrait Gemeinderatskandidat:in Sondermagazin». In Mails an die Kandidierenden hiess es, dass Tsüri.ch «erstmals neun Sondermagazine (je eines pro Wahlkreis)» produziere. Diese würden «Anfang Februar per Promopost an alle Haushalte im jeweiligen Wahlkreis in Zürich versendet werden».
Das Impressum des Sondermagazins mit einer Gesamtauflage von 240'000 Stück ist gezeichnet vom «Komitee zur Steigerung der Wahlbeteiligung in der Stadt Zürich», Tsüri AG & Verein für Kultur, Gesellschaft und Bildung Zürich, Gestaltung/Grafik Samantha Marty, Redaktionelle Inhalte Simon Jacoby, Projektleitung Jonas Kappner.
Wie es bei FDP und GLP im Fall «Tsüri» weitergeht, dürfte sich bereits am Mittwoch entscheiden.
Am späten Nachmittag treffen sich die betroffenen Politikerinnen und Politiker zunächst zur Fraktionssitzung, anschliessend zur wöchentlichen Gemeinderatssitzung.




