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Donnerstag
23.04.2026

Medien / Publizistik

«Wenn man die Fehlinformationen entfernt, bleibt nicht mehr viel übrig, worüber man berichten könnte», sagt Miguel Esteban, der den Opernstar Anna Netrebko managt... (Bild: zVg / © Yanny Tokyo)

«Wenn man die Fehlinformationen entfernt, bleibt nicht mehr viel übrig, worüber man berichten könnte», sagt Miguel Esteban, der den Opernstar Anna Netrebko managt... (Bild: zVg / © Yanny Tokyo)

Miguel Esteban ist Manager und enger Vertrauter der russischen Opernsängerin Anna Netrebko

Journalist Peter Wäch hat für den Klein Report mit Esteban über den Blickwinkel der Künstlerin gesprochen, die zwischen den Fronten einer Medienkampagne und den brutalen Realitäten der Geopolitik steht.

Nach den Ereignissen in Zürich, wo Anna Netrebko besonderen Schutz benötigte, folgt nun die Kampagne gegen Basel 2026. Wie geht die Künstlerin persönlich mit diesem Druck um?
Miguel Esteban
: «Zunächst muss man präzisieren: Anna Netrebko benötigte keinen Personenschutz im Sinne einer unmittelbaren Bedrohung, aber das Opernhaus Zürich handelte äusserst vorsichtig. Mein Job ist es, Anna von all dem so gut wie möglich abzuschirmen, damit sie sich auf das konzentrieren kann, was sie am besten kann: singen.»

Wo verdrehen die Medien Ihrer Meinung nach die Fakten zuungunsten Ihrer Klientin?
Esteban: «Ich kritisiere Journalisten nicht. Mein Ziel in den letzten vier Jahren war es schlicht, faktische Fehler korrigieren zu lassen. Ich glaube, wenn man die Fehlinformationen aus dem Diskurs entfernt, bleibt nicht mehr viel übrig, worüber man berichten könnte. Es ist zwar möglich, Fakten so darzustellen, dass sie die Realität verzerren – ein klassischer Bestätigungsfehler, also ’Confirmation Bias’ –, aber das führt in eine ethische Debatte, die ausserhalb meines Aufgabenbereichs liegt.»

Die ukrainische Botschafterin und Aktivisten fordern immer wieder eine «eindeutige» Distanzierung. Warum ist eine namentliche Verurteilung des russischen Präsidenten faktisch unmöglich?
Esteban: «Es ist unaufrichtig, wenn der Ankläger gleichzeitig die Rolle eines Richters spielen will. Anna Netrebkos Erklärung vom 30. März 2022 war klar: Sie hat keine Nähe zu russischen Parteien oder deren Führung. Sie hat damit erstmals gezeigt, dass man sich nicht von etwas distanzieren muss, dem man nie nahestand. Zudem gibt es in Russland Gesetze, die bestimmte öffentliche Äusserungen unter Strafe stellen. Da sie in Österreich lebt, mag ihr persönliches Risiko geringer sein, aber sie würde das Leben ihrer erweiterten Familie und enger Freunde in Russland gefährden. Das wird in der westlichen Forderungshaltung oft ignoriert.»

Hier schweigen die Medien. Viele hier im Westen sind sich dessen gar nicht bewusst.
Esteban: «Noch gefährlicher als die Distanzierung, die die Aktivisten fordern, ist, dass Netrebko Putin und sein Vorgehen in der Ukraine scharf verurteilt. Sie hat möglicherweise bereits gegen russische Gesetze verstossen, indem das getan und das Wort ’Krieg’ verwendet hat.»

In der Schweiz wird oft das Bild gezeichnet, sie sei ein «Instrument des Kremls». Wie reagieren Sie darauf?
Miguel Esteban: «Meiner Erinnerung nach zitieren die Schweizer Medien hierbei meist Phrasen von ukrainischen Diplomaten oder Aktivisten. Ich reagiere nicht auf Meinungen, nur auf Fehlinformationen. Diese Personen haben sich auf die wohl berühmteste russische Exil-Künstlerin gestürzt, ohne materielle Fakten zu haben, die sie plausibel in ihren Kreuzzug verwickeln könnten. Solche prahlerischen Aussagen sind wohl ihre einzige Technik, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen.»

Wie stabil erleben Sie die Partnerschaften mit den Schweizer Kulturinstitutionen angesichts dieses Drucks?
Esteban: «Das Opernhaus Zürich und der Veranstalter des Konzerts in Basel (act entertainment AG unter Thomas Dürr, Anm.d.R.) sind solide Partner, die den politischen Druck mit Klarheit und Überzeugung bewältigt haben. Auch der Schweizer Veranstalter des zu Unrecht abgesagten Konzerts in Luzern hat dies getan. Meine Interaktionen mit Schweizer Medien waren bisher immer positiv, wenn es darum ging, Fakten richtigzustellen.»

Ist es moralisch vertretbar, eine Künstlerin für die Handlungen eines Staates verantwortlich zu machen, dem sie durch ihre Herkunft ausgeliefert ist?
Esteban: «Kategorisch: Nein. Breite Auftrittsverbote sind in keiner rationalen oder demokratischen Gesellschaft akzeptabel.»

Was erhoffen Sie sich von den Medien bis zu den Auftritten 2026 und 2027?
Esteban: «Ich hoffe auf einen verstärkten Respekt für journalistische Ethik und Faktenchecks. Die Medien haben die Verantwortung, die Verbreitung böswilliger Informationen zu vermeiden, selbst wenn diese in Anführungszeichen stehen. Die Schweiz kennt Gesetze gegen Verleumdung, aber das Ideal wäre, wenn Redaktionen ihre internen Ethikrichtlinien präventiv stärken würden. Das ist keine Hexerei. In der Zwischenzeit werde ich weiterhin Fakten prüfen, ’until the cows come home’.»