Man stelle sich vor: Ein junger Mann, Typ Schwiegersohn mit einer Prise Lausbub und dem Instinkt für den Zeitgeist, liessauf der Zürcher Chinawiese Geldscheine per Drohne verteilen. Die Massen jubeln, die Klicks schnellen in die Millionen, die Grossverteiler reiben sich die Hände.
Joung Gustav – so dasPseudonym des Schweizer Content Creators – war die fleischgewordene Goldgrube der digitalen Ära.
Ein Gast-Kommentar für den Klein Report von Peter Wäch*, Journalist und Redaktor.
Ein Influencer, der nicht nur bunte Luftblasen verkaufte, sondern mit seiner Marke «Vyte» Vitamindrinks in die Regale von Migros und Coop hievte.
Doch jetzt ist Sendeschluss. Die Regale sind leer, die Verträge Makulatur, die Moralapostel auf dem Plan. Was ist passiert? Posiert er etwa freizügig bei OnlyFans? Nein, er hat geredet. Und zwar mit offenem Herzen.
Der Fall Joung Gustav ist das jüngste Kapitel in einem Buch, das wir unter dem Titel «Cancel Culture» längst in der Sachbuchabteilung für Horrorliteratur listen sollten. Gustav hat auf einem Nebenkanal die Asylpolitik kritisiert. Er sprach von der Angst, im eigenen Land zur Minderheit zu werden, von der Überforderung seiner Gemeinde Dietikon und von Statistiken, die mancherorts lieber unter den Teppich gekehrt werden. Man kann diese Meinung teilen oder sie als Stammtisch-Polemik abtun. In einer gesunden Demokratie wäre dies der Startpunkt einer harten, aber notwendigen Debatte. In der Schweiz des Jahres 2026 ist es jedoch das ökonomische Todesurteil.
Die Migros, die sich so gern als Hort der «Vielfalt», der «Inklusion» und des «Respekts» inszeniert, zeigt hier ein Gesicht, das wenig mit echter Toleranz zu tun hat. Es ist die Larve der Ausgrenzung unter dem Deckmantel der Tugend. Einer Tugend, die immer mehr Züge einer Sekte hat.
Wer nicht spurt, wer die engen Schablonen der veröffentlichten Meinung verlässt, wird zum Paria erklärt. Das Urteil fällt heute nicht mehr vor einem ordentlichen Gericht, sondern in den klimatisierten Teppichetagen der Marketingabteilungen, getrieben von einem hochemotionalen, übersensiblen Milieu aus den Echokammern der sozialen Medien und den Elfenbeintürmen der Universitäten.
Es ist eine Welt der Mikroaggressionen, in der jedes unbequeme Wort zum Sakrileg aufgebauscht wird, bis die Existenzgrundlage des Abweichlers pulverisiert ist.
Wir erleben eine Zeit, in der Themen wie Migration, Klima, Impfung oder die Ukraine nicht mehr diskutiert, sondern oktroyiert werden. So ähnlich suggeriert es die Tamedia-Kampagne mit dem Claim «Sie sind informiert. Wir wissen Bescheid». In Wahrheit ein unfreiwilliges Eingeständnis dafür, dass der Mainstream uns Bescheid gibt und nicht mehr informiert. Wer jedenfalls vom vorgegebenen Pfad abweicht, landet augenblicklich in der Schublade der «Schwurbler» oder Dissidenten.
Es ist das geschlossene Bündel der «Guten» gegen den Rest der Welt. Und die Gesellschaft? Sie macht mit. Warum? Weil es einfacher ist. Weil es Vorteile bringt, sich im moralischen Glanz der Mehrheit zu sonnen. Jemand auszuschliessen, hat eine dunkle, fast schon archaische Anziehungskraft – es schweisst die Gruppe zusammen, während das Opfer im medialen Regen stehen gelassen wird.
Historisch betrachtet ist dieses Muster brandgefährlich: Die Gruppe fühlt sich erhaben, sicher und unangreifbar, solange sie gemeinsam auf den Sündenbock zeigen kann. Divide et impera – Teile und herrsche! Das wussten schon die alten Römer.
Doch fragen wir uns bange: Darf ein Künstler kein Mensch mehr sein mit Ecken und Kanten? Warum ist es möglich, dasseine Musikerin wie Nena für kritische Fragen zur Corona-Politik medial hingerichtet wird, während andere für dezidiert linke Positionen – etwa die pauschale Verurteilung Israels – Standing Ovations erhalten?
Die Liste derer, die über die unsichtbare rote Linie stolpern, wird täglich länger. In Deutschland traf es den Kabarettisten Uwe Steimle, den der MDR feuerte, weil er die Staatsnähe der Medien kritisierte.
Die österreichische Wortakrobatin Lisa Eckhart wurde von Literaturfestivals ausgeladen, weil ein aufgebrachter Mob ihre Satire als «unsicher» deklarierte – eine Vorverurteilung durch pure Einschüchterung. Selbst Weltstars wie Anna Netrebko erlebten Absagen, weil ihnen von den Medien ein Bekenntniszwang auferlegt wurde, dem sie nicht in der exakt geforderten Form nachkamen.
Schauen wir im Kontrast dazu auf Nemo: Während das unbestreitbare künstlerische Talent gefeiert wird, bleibt die einseitige Fixierung auf Israel oft unkommentiert. Auch Nemos familiäre Vergangenheit mit Verwandten, die einst die Nazis verehrten, verkommt in der breiten Öffentlichkeit zumTabuthema, das lieber diskret umschifft wird.
Hier wird mit zweierlei Mass gemessen: Wer gegen «das Böse» (sprich: das Konservative oder Rechte) kämpft, geniesst Narrenfreiheit. Wer aber das System von rechts der Mitte hinterfragt, verliert sein Regalbrett bei Migros und Coop. Sollen Künstler gesichtslose Zeitgenossen sein, die den Mund halten müssen, solange sie nicht auf der «richtigen» Seite gegen das vermeintlich Böse kämpfen?
Diese Schere im Kopf, von der George Orwell in seinem dystopischen Meisterwerk «1984» bereits warnte, ist längst unsere Realität geworden. Wir befinden uns in einem permanenten Zustand der Selbstzensur.
Künstler halten den Mund, biegen ihre Meinungen zurecht oder schweigen ganz, um ihren Job nicht zu gefährden. Wir nähern uns methodisch den dunklen Zeiten der 30er-Jahre an – nicht unbedingt in der Ideologie, aber in der Art der sozialen Ächtung, der Denunziation und der Forderung nach totaler Gleichschaltung. Damals war es der Staat, heute ist es der vorauseilende Gehorsam gegenüber einem woken Zeitgeist, der keine zweite Meinung neben sich duldet und Abweichler wirtschaftlich vernichtet.
Was wird aus einer Gesellschaft, die nicht mehr debattiert, sondern nur noch sanktionieren lässt? Sie verkümmert intellektuell und emotional. Wenn Lebensmittelhändler anfangen zu bestimmen, wer was wann sagen darf, haben wir den Boden der liberalen Demokratie verlassen.
Hätte es Joung Gustav auch getroffen, wenn er sich für das Klima auf die Strasse geklebt oder Gaza zum Thema gemacht hätte? Sicher nicht – er wäre wohl zum «Young Hero» einer Nachhaltigkeitskampagne befördert worden. Warum wehrt sich die Gesellschaft nicht? Weil die Angst, selbst markiert zu werden, grösser ist als die Liebe zur Freiheit.
Gerade die Kultur müsste der Ort sein, an dem das Unaussprechliche auf die Bühne kommt. Frei von Subventionen und dem Diktat der «Correctness». Doch sie hat sich in weiten Teilen zum Erfüllungsgehilfen von Gender-Agenden und Quoten-Themen gemacht.
Wer heute nicht geimpft ist oder Nachhaltigkeit nicht über alles setzt, wird aussortiert. Damit läuft die Kultur Gefahr, genau das Publikum zu vergraulen, das echte Reibung und nicht nur moralische Bestätigung sucht.
Wann kommt historisch betrachtet der Kipppunkt? Wann bricht das Kartenhaus der erzwungenen Einstimmigkeit zusammen? Wir brauchen einen «Turning Point Europe», an dem der Diskurs wieder Mut erfordert, aber auch wieder Früchte trägt. Jeder Einzelne muss anfangen, seine Meinung laut zu sagen, ungeachtet der Konsequenzen.
Andersdenkende müssen sich zusammenschliessen, bevor die Vielfalt, die alle so lautstark beschwören, zur absoluten, grauen und gefährlichen Einfalt verkommt.
Quo vadis, Schweiz? Quo vadis, Europa? Wenn wir zulassen, dass Vitamindrinks nach Gesinnung sortiert werden und Künstler zu roboterhaften Marionetten mutieren, dann schmeckt die Zukunft nicht nach Freiheit, sondern verdammt bitter.
Es ist Zeit, die Schere im Kopf wegzulegen – bevor sie uns die Zunge ganz abschneidet und wir zu konformen Zombies werden, denen das süsse Gift des Moralismus die letzte Hirnzelle weggefressen hat.
* Peter Wäch ist seit über 40 Jahren Journalist und Redaktor und lebt in Bern.




