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Donnerstag
05.03.2026

Medien / Publizistik

Joachim Braun ist seit September 2023 Chefredaktor der «Südostschweiz» und seit 2025 auch Geschäftsführer Medien des Churer Verlags Somedia...     (Foto: Olivia Aebli-Item/Somedia zVg)

Joachim Braun ist seit September 2023 Chefredaktor der «Südostschweiz» und seit 2025 auch Geschäftsführer Medien des Churer Verlags Somedia... (Foto: Olivia Aebli-Item/Somedia zVg)

Ein abgelehnter Leserbrief von SP-Nationalrat Jon Pult in der «Südostschweiz» hat für Aufsehen gesorgt.

Machtbewusst publizierte der Vize-Präsident der SP danach seinen Leserbrief gleich selber über Facebook. Aufgeregt hatte sich der Politiker über Aussagen von  SVP-Nationalrat Roman Hug und SVP-Grossrat Jan Koch in der «Südostschweiz» zur SRG-Initiative «200 Franken sind genug!».

Aus Sicht von Pult verharmlosten die SVP-Politiker die Auswirkungen auf den öffentlich-rechtlichen TV-Sender RTR und das Kulturschaffen in dem Randkanton. Pult ist zudem seit letztem April Präsident der rätoromanischen Nachrichtenagentur Fundaziun Medias Rumantschas (FMR).

Mit seiner Eigenpublikation übte der Politiker Druck auf die Zeitung aus, was Chefredaktor Joachim Braun, Chefredaktor der «Südostschweiz» und Geschäftsführer Medien, aber konterte. Der Leserbrief wurde nicht abgedruckt.

Der erzürnte SP-Nationalrat veröffentlichte seinen Leserbrief und teilte seiner Community die Ablehnung der Redaktion mit, die Leserbriefseite sei für normale Bürgerinnen und Bürger vorbehalten. Nach der Veröffentlichung kamen auf den Post des sendungsbewussten SP-Politikers ausserkantonale Reaktionen zusammen.

Der Klein Report hat Joachim Braun im Nachgang ein paar Fragen gestellt zum allgemeinen Umgang mit Leserbriefen, Interventionen von Politikern und Wünschen der Redaktion.

Weshalb haben Sie den Leserbrief von Jon Pult nicht abgedruckt?
Joachim Braun: «Weil wir schon seit längerem keine Leserbriefe von National- oder Ständeräten, aber auch nicht von Grossräten abdrucken. Diese Mandatsträger haben viele Möglichkeiten, sich öffentlich zu äussern, auch bei uns in der Zeitung oder auf suedostschweiz.ch. Daher ist die Leserbriefseite den ganz normalen Menschen vorbehalten, also jenen, die sonst keine oder eine nicht so gut hörbare Stimme haben. Ich empfinde das als fair und keinesfalls als Einschränkung der Meinungsfreiheit, wie mir in der Causa Pult vorgeworfen wurde. Nicht von Jon Pult natürlich. Der hält unsere Linie zwar für falsch, hat sie laut Mail aber respektiert.»

Wie war die Reaktion von Jon Pult nach Ihrer Intervention?
Joachim Braun: «Er hat seinen Leserbrief gepostet und als 'von der Südostschweiz abgelehnten Leserbrief' betitelt. Das hatte die zu erwartende Wirkung: Jon Pults Buddys fanden unsere Haltung überwiegend gar nicht cool und kritisierten uns. Die witzigste Reaktion kam von Nationalratskollegin Jacqueline Badran. Sie fand unser Verhalten 'frech'. Ich habe ihr geantwortet, dass ich eine solche Bewertung angesichts ihres politischen Rufs doch eher als Kompliment bewerte.»

Was sind die grundsätzlichen Regeln bei der «Südostschweiz» für die Leserbriefseite?
Braun: «Abgesehen von den Mandatsträgern stehen unsere Leserbriefe allen offen. Wir halten keine Briefe zurück, egal, wie kritisch sie auch mit uns sind. Die einzige Einschränkung ist das Strafrecht. Was wir nicht abdrucken, sind Leserbriefe mit dem Hinweis, wir wählen am 8. März XY, weil er so ein toller Typ ist. Das empfinden wir als Missbrauch der Leserbriefseite, weil solche Briefe unserer Erfahrung nach oft von Parteien konzertiert werden. Auch bei Leserbrief-Kampagnen, wie es sie jetzt auch zur Halbierungsinitiative gegeben hat, reagieren wir empfindlich. Wenn wir in einer Mail fünf Leserbriefe bekommen mit fünf gewünschten Veröffentlichungsdaten, fühlen wir uns irgendwie missbraucht. Übrigens: Eine Ausnahme kann es auch für Mandatsträger geben. Dann, wenn sie in einem Leserbrief persönlich attackiert werden. Da muss man in der Bewertung indes mit grossem Fingerspitzengefühl herangehen. Pults Brief passte natürlich nicht in dieses Schema.»

Wie empfinden Sie das, wenn ein Politiker über seine sozialen Kanäle Druck ausübt?
Joachim Braun: «Grundsätzlich habe ich damit kein Problem, wir kuscheln auf unseren Kanälen auch nicht mit der Politik. In diesem Fall hat mich geärgert, dass Jon Pult wider besseren Wissens unterschlagen hat, dass wir das von ihm aufgeworfene Thema wegen seiner Intervention extra noch in einem Interview abklären liessen. Die Klarstellung, um die es Pult ging, wurde also bei uns in der Zeitung und auf der Webseite publiziert. Nur eben nicht in Pults Namen, sondern von einem SRG-Kader, der da sogar noch faktenkundiger sein dürfte.»

Und wie reagieren Sie?
Joachim Braun: «Das kommt darauf an. Wenn ich das Gefühl habe, hier geschieht meiner Redaktion Unrecht, dann äussere ich das. Nicht immer lasse ich mich dabei von der mir eigentlich gegebenen diplomatischen Zurückhaltung leiten.»

Hat die «Südostschweiz» schon öfters solche Druckversuche erlebt?
Joachim Braun: «Ich glaube, das erlebt jedes journalistische Medium, das seine Aufgabe ernst nimmt. Grundsätzlich ist das auch kein Problem, weil die Politik Ansprüche an uns hat, die mit den Anforderungen, die die digitale Transformation an uns stellt, auf Kriegsfuss stehen. Tatsächlich ist der einzelne Politiker einer der Verlierer des Wandels zu einem leserorientierten Journalismus. Das sorgt nicht nur für Freude.»

Die «Südostschweiz» lässt im Turnus Parlamentarierinnen und Parlamentarier in einer Kolumne regelmässig zu Wort kommen. Eine Gratis-Werbefläche sozusagen. Weshalb ist man bei der «Südostschweiz» so kulant?
Joachim Braun: «Gute Frage. Ich weiss auch nicht genau, wie ich das finden soll. Ich gehe mal davon aus, dass es den Druck aus der Politik reduziert. Vor allem haben wir ja nichts gegen Politiker und sehen uns als wichtigen Vermittler zwischen ihnen und den Bürgern. Ich glaube allerdings, dass nicht allen sieben Bündner Bundespolitikern klar ist, welche Chance ihnen die Kolumne bietet, den Bürgerinnen und Bürgern ihre Arbeit in Bern näherzubringen. Sonst würden sie ihre Kolumne nicht mit ordinärer, politischer Propaganda zuballern. Und würden die Kolumne, deren sechs oder sieben jährliche Erscheinungstermine ihnen frühzeitig bekannt gegeben wurden, nicht zwei Tage vorher absagen wollen.»

Seit September 2023 sind Sie Chefredaktor der «Südostschweiz», seit 2025 auch Geschäftsführer Medien. Was ist aus Ihrer Sicht als Deutscher hier in der Schweiz im Journalismus im Umgang mit Politikerinnen und Politiker anders?
Braun: «Eigentlich nicht so viel. Die Nähe ist eine andere, weil das Land kleiner und durch die direkte Demokratie auch die Politikberichterstattung intensiver ist. In Deutschland ist es auch nicht denkbar, nach drei Minuten Kennenlerngespräch per Du zu sein. Auch ist das Interesse der Schweizer Politik an den Veränderungen und Nöten des Journalismus‘ ausgeprägter und wohl auch ehrlich gemeint. In Deutschland hat man oft das Gefühl, Politiker auf kommunaler – oder auf Landesebene wären froh, wenn diese lästig nachfragenden Typen endlich weg wären. Obwohl, das gibt es in der Schweiz schon auch.»

Was würden Sie sich als Chefredaktor für Ihre Redaktion von der Politik wünschen?
Braun: «Eigentlich nichts. Vielleicht ein bisschen mehr Gelassenheit, weniger Empörung und eine realistische Einschätzung der eigenen Bedeutung. Aber das gilt sicher auch anders herum.»