Wenn langjährige Bundeshaus-Veteranen das Mikrofon ergreifen, wird es im Schweizer Blätterwald schnell ungemütlich.
Peter Morf berichtete drei Jahrzehnte lang als Bundeshaus-Korrespondent für die «Finanz und Wirtschaft» (FuW) aus dem Tamedia-Verlag.
Ausgerechnet im Krisenjahr 2021 geriet der erfahrene Wirtschaftsjournalist jedoch in die Mühlen der verlagseigenen Leitlinien: Nach kritischen Nachfragen zur Evidenz staatlicher Massnahmen sprach die Chefredaktion der Finanzzeitung ein partielles Schreibverbot zum Thema Corona gegen ihn aus.
Im Gespräch mit dem Klein Report hat Peter Morf für den Klein Report Bilanz gezogen über die Mechanik der damaligen Verlagsentscheide, den berüchtigten «Drehtüreffekt» zwischen Journalismus und Departements-Kommunikation – und erklärt, warum dem Bundeshausjournalismus heute vor allem die verlässliche Erfahrung fehlt.
Für den Klein Report hat Journalist Peter Wäch mit Morf das Gespräch geführt.
Sie berichteten 30 Jahre lang als Bundeshaus-Korrespondent für die «Finanz und Wirtschaft». Wie und mit welchen Argumenten hat die Tamedia-Führung ausgerechnet einem erfahrenen Wirtschaftsjournalisten wie Ihnen Anfang 2021 ein partielles Schreibverbot zum Thema Corona erteilt?
Peter Morf: «Die Chefredaktion begründete ihren Entscheid mit dem Vorwurf, ich hätte nicht faktengerecht über Corona geschrieben. Dieser Vorwurf wurde allerdings nie belegt. Und er war auch falsch, ich habe mich in der Berichterstattung stets an den Fakten orientiert. In Tat und Wahrheit ging das Schreibverbot offenbar darauf zurück, dass ich mir erlaubt habe, von allem Anfang an kritisch über die behördlichen Corona-Massnahmen und die Entscheide des Bundesrates zu berichten und auch entsprechende Fragen zu stellen.»
War dieses Einschreiten der Chefredaktion nach Ihrem Eindruck eine direkte Folge der verlagsweiten Haltung im Ringier-Konzern (Marc Walder, die sogenannte Standleitung zu Alain Berset) – und wie viel journalistische Unabhängigkeit blieb der «Finanz und Wirtschaft» in dieser Phase überhaupt noch?
Morf: «Ich gehe davon aus, dass das Schreibverbot auf eine Intervention der Tamedia-Verlagsleitung zurückging. Diese dürfte eine Folge des Aufrufs des Ringier-Konzerns an alle grossen Schweizer Verlagshäuser gewesen sein, in Sachen Corona die Position des Bundesrates zu stützen. Nach meinem Schreibverbot berichtete die «Finanz und Wirtschaft» nur noch unkritisch und staatstreu über Corona.»
Sie bemängeln den Ausstellungs- und Drehtüreffekt in Bern, bei dem Journalisten zu Medienchefs der Departemente werden. Verkommt der Bundeshausjournalismus zur Karrierestufe für die Verwaltung – und welchen Medien gelingt heute noch die nötige Distanz? Mit anderen Worten: Wie stark ist der Druck inzwischen?
Morf: «Nicht alle Bundeshausjournalisten liebäugeln mit einem lukrativen Job in der Kommunikationsabteilung eines Departementes oder auch eines Bundesamtes. In meiner Zeit als Bundeshausredaktor haben jedoch immer mehr Journalisten diesen Schritt getan und die Seiten gewechselt. Es liegt auf der Hand, dass dies die Unabhängigkeit des Bundeshausjournalismus als Ganzes in Frage stellen kann.»
Ihre Nachfrage an einer Corona-Pressekonferenz zur fehlenden Evidenz für die Maskenpflicht im ÖV war ein viel diskutierter Moment. Warum stellten damals so wenige Wirtschafts- und Bundeshausjournalisten die verordneten Massnahmen auf ihre Faktenbasis hin infrage?
Morf: «Das liegt wohl in der verbreiteten unkritischen Haltung der meisten Journalisten zu Corona begründet. Ich war damals auch frustriert, dass fast niemand sonst derartige Fragen gestellt hat und dass diese ein geringes Echo ausgelöst haben. Die Frage nach der Faktenbasis müsste eigentlich jeden Journalisten interessieren.»
Verlage schicken oft junge, unerfahrene Journalisten für ein, zwei Jahre ins Bundeshaus. Braucht es im Finanz- und Wirtschaftsjournalismus wieder mehr gestandene Köpfe, die sich von behördlichem Druck nicht beirren lassen? Und wie wäre dies zu erreichen?
Morf: «Ja, unbedingt. Dabei geht es nicht nur um den behördlichen Druck, sondern auch um das Sachwissen. Man kann heute nicht adäquat über Themen wie etwa die soziale Sicherheit oder die Finanzpolitik schreiben, ohne Kenntnis der relevanten Funktionsmechanismen und der historischen Entwicklung. Deshalb braucht es Leute mit einer breiten und soliden Bildung, die das Bundeshaus nicht nach zwei Jahren wieder verlassen. Es braucht Leute mit Erfahrung und einer kritischen Haltung gegenüber den Behörden.»
Werden Politik und Medien wieder genau gleich handeln bei einer kommenden Pandemie oder tut sich bereits etwas im «Blätterwald»?
Morf: «Ich fürchte, Politik und Medien würden mehr oder weniger wieder gleich handeln. Ich sehe im ’Blätterwald’, soweit ich das aus Distanz beurteilen kann, keine grundlegenden Änderungen im Gang, leider.»



