Im Fall des Tessiners Staatsrats Claudio Zali sind gemäss Klein Report nicht nur bei «La Regione» Schwierigkeiten beim Recherchieren aufgekommen, auch andere Medien wurden mit nicht ganz freundlichen Worten eingedeckt.
Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, es habe Aufforderungen gegeben, keine Berichte über die Vorgänge rund um den Tessiner Staatsrat zu veröffentlichen – verbunden mit der Drohung, rechtliche Schritte einzuleiten, sollten dennoch Artikel erscheinen.
Zudem wird berichtet, Claudio Zali, der Mitglied der Lega dei Ticinesi ist, habe sich zeitweise geweigert, gegenüber «La Regione» Stellung zu nehmen, selbst zu Themen, die sein Ressort und seine Funktion als Leiter des Departements für Raumordnung betrafen. Auch Interviews mit seinen Mitarbeitenden seien für die Journalistinnen und Journalisten der Zeitung zeitweise kaum möglich gewesen.
Christine Huber vom Klein Report hat sich darüber mit «La Regione»-Journalist Giacomo Agosta unterhalten – insbesondere über den aufsehenerregenden Primeur, den «La Regione» in dieser Affäre als erstes veröffentlicht hat:
Umschreiben Sie uns und unserer Leserschaft doch, wie die ersten Schritte in diesem spektakulären Fall für «La Regione» waren.
Giacomo Agosta: «Geschichten und ’Klatsch’ über Politiker hört man ständig. Manche werden in den Fluren der Regierungsgebäude erzählt, andere liest man im Internet und in den sozialen Medien. Unsere Aufgabe besteht zunächst darin, alles, was gesagt wird, anzuhören und zu lesen. Dann müssen wir herausfinden, ob und was davon von öffentlichem Interesse ist. Beim ’Fall Zali’ verlief es genauso, und das öffentliche Interesse war sofort offensichtlich: Darf ein Staatsrat ein Treffen mit hochrangigen Vertretern der Justiz – einer von der Exekutive unabhängigen Gewalt – einberufen, um einen konkreten Fall zu besprechen, der einen seiner Bekannten betrifft? Nein, ganz klar nicht. Zali stellte zudem konkrete Anfragen, die diesen jungen Mann betrafen.»
Wie viele Teammitglieder von der Redaktion haben an diesem Fall gearbeitet?
Agosta: «Für die kantonale Berichterstattung ist eine vierköpfige Redaktion zuständig. Alle waren in den sogenannten ’Fall Zali’ im Tessin verwickelt. Denn die Affäre, die zum Rücktritt des Staatsrats geführt hat, umfasst drei verschiedene Stränge: das Strafverfahren, die Tonaufnahmen, in denen er zu Gewalt aufruft, und die E-Mail, mit der er die Einstellung einer Bekannten bei der kantonalen Krankenhausbehörde erwirken wollte. Drei verschiedene Fälle, die eines gemeinsam haben: die Art und Weise, wie Claudio Zali mit der Macht umgeht, die ihm die Bürger anvertraut haben.»
Bei einer investigativen Recherche ist der erste Schritt der schwierigste Schritt. Wie konnte «La Regione» den Verdacht schöpfen, dass etwas nicht stimmte?
Agosta: «Wie bereits erwähnt, kursieren Gerüchte, und wenn man gute Kontakte hat, erfährt man schnell davon. Schwieriger ist es, Beweise dafür zu finden.»
Wie konnte man das Vertrauen von Mittelspersonen gewinnen?
Agosta: «Im Laufe der Zeit ist es der ’La Regione’ gelungen, sich als Medium zu profilieren, das bereit ist, über alles zu berichten, was es als von öffentlichem Interesse erachtet. Ein Medium, das keine Angst vor Abmahnungen von Politikern hat. Aus diesem Grund gingen weitere Hinweise bei der Zeitung ein. Unsere Aufgabe bestand darin, eine Auswahl zu treffen: zu erkennen, was am Verhalten eines Politikers problematisch ist und was von öffentlichem Interesse ist.»
Im Fall von Regierungspräsident Claudio Zali gab es konkret ein anonymes Instagram-Profil, das eine Aufnahme verbreitete: Darum handelte es sich um ein privates Gespräch, das vor einigen Jahren zwischen einem Mann, identifiziert als Staatsrat Zali und einer Freundin stattfand. Was können Sie Genaueres zur Auswertung dieser Quelle erzählen? Wie ist die Redaktion vorgegangen?
Agosta: «Die Audioaufnahme wurde als glaubwürdig eingestuft. Zali hat nie bestritten, dass er der Mann ist, der auf der Aufnahme zu hören ist. Vor der Veröffentlichung haben wir als Redaktion alle erforderlichen Überprüfungen durchgeführt. Das Profil, über das die Audioaufnahme verbreitet wurde, war anonym. Die Frau, die im Gespräch mit Zali zu hören ist, ist der Redaktion hingegen nicht unbekannt. Wir hatten die Gewissheit, dass das aufgezeichnete Gespräch tatsächlich stattgefunden hat.»
Was passierte dann?
Agosta: «Dann hat sich auch die Politik eingeschaltet. Die Vorsitzenden von drei Parteien haben einen Brief an den Staatsrat geschrieben, um Aufklärung zu verlangen. Dies war ein Beweis dafür, dass der Fall öffentlich war.»
Was war für Sie das Schwierigste an dieser Recherche?
Agosta: «Im Tessin hat der ’Fall Zali’ innerhalb weniger Wochen drei verschiedene Vorfälle ans Licht gebracht. Einerseits wurden die drei Fälle unabhängig voneinander behandelt, da sie unterschiedliche Sachverhalte mit unterschiedlichen – auch strafrechtlichen – Konsequenzen betreffen. Andererseits musste ein roter Faden hervorgehoben werden, der sie miteinander verband: die Ausübung von Macht durch Claudio Zali.»




