Donald Trump war an dieser Fussball-WM noch in keinem Stadion. Trotzdem greift er ins Turnier ein – direkt, folgenreich und historisch einmalig.
Nach der Roten Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun griff der amerikanische Präsident gemäss Recherchen der «New York Times» und von «The Athletic» persönlich zum Telefon. Am anderen Ende: Fifa-Präsident Gianni Infantino. Trump bat darum, die automatische Sperre gegen den besten amerikanischen Angreifer zu überprüfen. Kurz darauf hob die Fifa die Strafe auf. Balogun darf im Achtelfinal gegen Belgien spielen.
Was wie eine Randnotiz aus dem Gastgeberland klingt, ist ein Frontalangriff auf die Glaubwürdigkeit des Weltfussballs. Seit 1962 war an einer WM kein vom Platz gestellter Spieler im nächsten Spiel wieder eingesetzt worden. Nun genügt offenbar ein Anruf aus dem Oval Office, um eine sportrechtliche Sanktion zu kippen. Der frühere englische Goalgetter Wayne Rooney nannte den Vorgang bei der BBC eine «absolute Schande». Infantino müsse sich schämen.
Tatsächlich stellt dieser Fall mehr in Frage als nur eine Sperre. Er trifft den Kern des Turniers: die sportliche Fairness. Alle, die seit Jahren sagen, der Fussball sei von Machtpolitik, Korruption und Vetternwirtschaft unterwandert, sehen sich bestätigt. Die WM 2026, ohnehin ein Gigantismus-Projekt in den USA, Kanada und Mexiko, bekommt einen Makel, der nicht mehr wegzuwischen ist.
Besonders fatal ist die Rolle Infantinos. Seit Jahren sucht der Walliser obsessiv die Nähe zu Präsidenten, Potentaten und Autokraten. Er inszeniert sich im Oval Office, besucht Mar-a-Lago, eröffnet Fifa-Präsenzen im Umfeld Trumps und erfindet sogar einen «Fifa Peace Prize», der wie eine höfische Reverenz wirkt. Die politische Neutralität des Weltverbands ist längst zur Fassade geworden.
Nun könnte ausgerechnet diese Nähe zu Trump für Infantino gefährlich werden. Der Fifa-Präsident, der sich unantastbar wähnte, hat den Fussball mit einem Entscheid beschädigt, dessen Imageschaden kaum zu beziffern ist.
Vielleicht wird die aufgehobene Rote Karte dereinst als Wendepunkt gelten. Als Moment, in dem sichtbar wurde, dass die Fifa nicht mehr nur vom Fussball lebt – sondern von der Gunst der Mächtigen.
Am Ende dieser WM werden Trump und Infantino wohl gemeinsam den Pokal überreichen. Es wäre das perfekte Schlussbild: zwei Präsidenten, ein Pokal – und ein Turnier, bei dem der Glaube an die Unabhängigkeit verloren ging.
Am Montagnachmittag sagte Donald Trump vor den Medien im Oval Office: «Ich habe lediglich um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht der Meinung war, dass es ein Foul war.»
Zuvor hatte sich Trump auf Truth Social bei der Fifa bedankt, dass sie das Richtige getan und eine grosse Ungerechtigkeit rückgängig gemacht habe.
Der belgische Fussballverband (RBFA) reagiert inzwischen entrüstet auf die Aufhebung der Spielsperre: Am Montag hat der RBFA Rekurs gegen den Entscheid eingelegt.
Man sehe «keine andere Möglichkeit, als die Spielberechtigung Baloguns für das bevorstehende Spiel anzufechten», heisst es in einer Stellungnahme auf der Webseite des belgischen Fussballverbands.



