Am 10. April hat das Kaiserhaus an der Berner Marktgasse nach rund acht Jahren Sanierung und einer Investition von weit über 100 Millionen Franken wieder eröffnet.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) besitzt den Prachtbau seit 1971 und vermietet ihn an die Kaiserhaus Handelz AG – ein Konstrukt, das die traditionelle Handelslogik bewusst herausfordert.
Das Modell «OF GOODS» bricht mit dem klassischen Detailhandel. Michel Hueter, Co-Direction der Handelz AG, bestätigte auf Anfrage vom Klein Report: «Die Betreiberin des OF GOODS ist die Kaiserhaus Handelz AG. Und sie mietet die Fläche direkt bei der SNB. Dies zu marktüblichen Mieten, ohne Staffelung der Miete und auch ohne Umsatzabgaben.»
Die rund 60 Partner-Brands sind zugleich Aktionäre und Aktionnärinnen der AG. Als VR-Präsident ist Patrick Marius Honauer tätig. Hueter erklärt die Kostenstruktur: «Jede Partner-Brand mietet eigene Flächen oder Module von der AG und bezahlt zusätzlich eine Servicegebühr für Nebenkosten, Logistik, Verkaufspersonal, Marketing und Verwaltung. Der Einstiegspreis liegt bei 550 Franken pro Monat für ein kleines Modul – Miete und Servicegebühr inklusive. Der Umsatz gehört vollständig den Partnern.»
Den kräftigsten Kontrast im Erdgeschoss bildet die grossflächige Filiale der Bäckerei Reinhard. Mit ihrer gläsernen Backstube soll sie Frequenz bringen. Am Nachmittag wirken ihre Auslagen jedoch oft nicht mehr voll bestückt – was angesichts der Grösse surreal wirkt. Wer weiter ins Innere geht, betritt eine andere Welt: helle Minimal-Ästhetik, Repair-Stationen und ein starker Fokus auf Kreislaufwirtschaft.
Hier finden sich nachhaltige Labels wie NCCFN von Designerin Nina Jaun, KoKoTé (Taschen aus rezykliertem ECONYL®-Nylon, gewonnen unter anderem aus Fischernetzen und Deponieabfällen), Qwstion (Bananenfaser-Produkte) oder hochwertige Möbel von Reseda.
Die Preise sind deutlich gehoben: Kleidung beginnt im mittleren dreistelligen Bereich, Jacken wie der Bananatex All-Weather Coat von Qwstion liegen bei über 500 Franken. Massivholzmöbel von Reseda bewegen sich im gehobenen Preissegment. Im ersten Stock bietet das Atelier von Maya Seyferth Couture-Kleider zu Preisen bis 1’000 Franken und mehr. Für sozial schwächere Schichten ist dieses Angebot praktisch unerschwinglich.
Das offene Layout ohne klare Grenzen sorgt bei manchen Kunden für Verwirrung. Der Eingang zum Non-Food-Bereich ist nicht sofort ersichtlich, und manche monieren, man müsse das ganze Haus durchlaufen, um bestimmte Produkte zu finden. Besonders ältere Kundinnen und Kunden – eine wichtige kaufkräftige Gruppe in Bern – äussern sich kritisch zum labyrinthartigen Konzept. Die strenge, gesinnungsbetonte Uniformität erschwert die schnelle Orientierung.
Ob dieses Modell langfristig rentiert, ist die zentrale Frage. Ähnliche Eco-Conscious Concept-Stores in London (z.B. Bottletop) oder New York (Another Tomorrow, Gabriela Hearst) teilen dieselbe minimalistische Ästhetik und den hohen ideologischen Anspruch. Viele bleiben jedoch Nischenkonzepte für eine zahlungskräftige Klientel und haben Mühe zu skalieren. In den grossen Metropolen gewinnen derzeit eklektischere Formate, reine Resale- und Secondhand-Modelle oder flexiblere Pop-up-Konzepte an Boden. Die strenge optische und gesinnungsmässige Uniformität, wie sie das Kaiserhaus pflegt, scheint sich dort international eher als Grenze, denn als Erfolgsrezept zu erweisen.
Kurios bleibt die Gastronomie: Während die Bäckerei Reinhard Frequenz bringen soll, leistet sich die Brasserie Kaiser eine lange Nachmittagslücke (14 bis 18 Uhr). Die Security der Firma «Taktvoll» sorgt derweil diskret dafür, dass die werteaffine Atmosphäre gewahrt bleibt.
In Bern passt das Projekt ins langjährige rot-grüne politische Klima. Dass ausgerechnet die SNB als Hüterin der Stabilität und des Kapitals einem solchen Konsum-Experiment Raum gibt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Ob Haltung allein die hohen Mieten deckt und ob die kleinen Brands die grossen Flächen dauerhaft bespielen können, wird die Zukunft zeigen. Früher gab es Warenhäuser, die einfach funktionierten. Heute verkauft man eine Weltanschauung – und die hat ihren Preis.




