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Sonntag
07.02.2021

Medien / Publizistik

«Ich habe entschieden, dass ich meine eigenen Ansprüche an mich als Top-Journalist, präsenter Vater und gleichberechtigter Ehepartner in der aktuellen Rolle nicht zufriedenstellend erfüllen kann...»

«Ich habe entschieden, dass ich meine eigenen Ansprüche an mich als Top-Journalist, präsenter Vater und gleichberechtigter Ehepartner in der aktuellen Rolle nicht zufriedenstellend erfüllen kann...»

Nach 15 Jahren bei «20 Minuten» macht der stellvertretende Chefredaktor Lorenz Hanselmann einen Abgang. Im Gespräch mit dem Klein Report schaut er zurück auf die Metamorphose der Gratiszeitung. Und sagt, warum es fahrlässig sein kann, mit Marco Boselli Paintball zu spielen.

Im Juli 2019 übernahm Gaudenz Looser die Chefredaktion von Marco Boselli. Zum gleichen Zeitpunkt wurden Sie zum stellvertretenden Chefredaktor berufen. Was waren Ihre Aufgaben? Und wie war die Chemie zwischen Ihnen?
Lorenz Hanselmann: «Gaudenz Looser ist nicht nur mein Chef, er ist auch ein Freund. Gaudenz, Désirée Pomper und ich hatten immer eine sehr gute Zusammenarbeit, geprägt von Respekt und Vertrauen. Ich habe in erster Linie das Tagesgeschäft geleitet. Zudem hatte ich das Privileg, mich in fast alle grossen Projekte einbringen zu können: Die neue App, ein neues CMS, das Video-Newsformat ‚20 Minuten NOW!‘, das Social Responsibility Board, der Abschied von Keystone-SDA – überall durfte ich einen kleinen und oft auch grossen Beitrag zum Erfolg leisten.»

Was waren Ihre persönlichen Beweggründe, «20 Minuten» zu verlassen?
Hanselmann: «Mit 39 Jahren und zwei kleinen Kindern (3 Jahre, 9 Monate) stellst du dir grundsätzliche Fragen. Ich habe entschieden, dass ich meine eigenen Ansprüche an mich als Top-Journalist, präsenter Vater und gleichberechtigter Ehepartner in der aktuellen Rolle nicht zufriedenstellend erfüllen kann. Mit der Kündigung zwinge ich mich selbst, mich neu zu erfinden.»

Wohin geht Ihre berufliche Reise? Bleiben Sie im Journalismus?
Lorenz Hanselmann: «Journalismus ist eine Lebenseinstellung. Ich bleibe also sowieso Journalist. Inzwischen ist Content jedoch in so vielen spannenden Feldern und Formen gefragt, dass es unklug wäre, etwas auszuschliessen. Stärken habe ich sicher an Schnittstellen von Content zu IT, Produkt und Sales.»

2007 kam das allererste Smartphone mit Touchscreen auf den Markt. Damals waren Sie soeben als Praktikant zu «20 Minuten» gestossen. Inzwischen haben Sie fast eine ganze Generation lang bei der Pendlerzeitung gearbeitet, unter anderem als Reporterchef und Blattmacher. Welche Metamorphose hat «20 Minuten» in dieser Zeitspanne durchgemacht?
Hanselmann: «Damals standen noch Aschenbecher auf dem Bürotisch, unser Tageswerk waren 50 Print-Zeilen und wir waren das unterschätzte Gratisblatt. Heute machen wir Print, Online, Foto, Video, Radio, Podcast, Social Media. Das ist für die Journalisten eine unglaubliche Bereicherung – und für die Leserinnen und Leser genauso. Der Journalismus hat sich extrem beschleunigt und wir sind alle gezwungen, uns und unser Business-Modell in immer schnelleren Zyklen grundsätzlich zu hinterfragen und Innovationen zu schaffen. Gleich geblieben sind für mich die Grundwerte von ‚20 Minuten‘: Wir nehmen die Leserinnen und Leser ernst, wir haben keinen Dünkel, wir sind neutral.»

Was waren die witzigsten Momente für Sie?
Lorenz Hanselmann: «Man sollte am besten über sich selbst lachen. Als ich Praktikant war, wollte mich der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin an einem Empfang für Schüler nicht mit den anderen Journis gehen lassen. Er hielt mich für einen Sekschüler. Ich war damals 26 Jahre alt.»

Und was ging in die Hosen?
Hanselmann: «Eher durch die Hosen: Marco Boselli hat mich beim Paintball so hart am Bein getroffen, dass ich zwei Wochen lang einen grünblauen Fleck in der Grösse eines ‚20 Minuten‘-Frontbilds an der Wade hatte.»